1. Liberalismus und Nationalökonomie
(596) Die übliche Unterscheidung zwischen politischem [–->Liberalismus (I)] und wirtschaftlichem Liberalismus verkennt – wenn sie mehr sein will als eine formale Gliederung der empirischen Sachverhalte – das Wesen des Liberalismus. Sie entspringt dem Gedanken, daß es einen scharf umgrenzten Bezirk des Politischen gebe, in dem der Ablauf der Dinge nicht berührt wird von dem, was im Umkreis des Wirtschaftlichen vor sich geht. Die Abschaffung der wirtschaftlichen Freiheit werde daher alle anderen Freiheiten unberührt lassen, ja, erst die Voraussetzungen für ihre Verwirklichung schaffen. In diesem Sinne nennen sich heute in den Vereinigten Staaten von Amerika Marxisten, Sozialisten und Kommunisten liberal.
Das Grundprinzip des Liberalismus ist die Marktwirtschaft, d. h. die auf dem Sondereigentum an den Produktionsmitteln beruhende arbeitsteilige Wirtschaft. In dieser Wirtschaftsverfassung entscheidet letzten Endes das Kaufen oder Nichtkaufen von seiten der Verbraucher über Menge und Beschaffenheit der zu erzeugenden Waren. Die Notwendigkeit, Gewinne zu erzielen und Verluste zu meiden, zwingt die Unternehmer und die Eigentümer der Produktionsmittel, nach bestmöglicher und billigster Versorgung der Verbraucher zu streben. In ihrer Eigenschaft als Erzeuger und Verkäufer sind alle Glieder der Gesellschaft von den Käufern und Verbrauchern abhängig. Der Markt ist ein Austausch produktiver Dienste. Er ist auch als eine Demokratie bezeichnet worden, in der jeder Pfennig einen Stimmzettel bedeutet und (597) die Gewählten sich täglich zur Neuwahl stellen müssen.
In dieser Gesellschaftsordnung fällt dem Staate die Aufgabe zu, das ungestörte Wirken des Marktes zu sichern durch Verhütung und Abwehr gewaltsamer oder heimtückischer Anschläge gegen Leben, Gesundheit, Freiheit oder Eigentum der einzelnen. Diese Umschreibung der Staatsaufgaben – Rechtsschutz im Innern und Verteidigung gegen Angriffe von außen entspringt nicht einem besonderen Prinzip, etwa einem gegen den Staat gerichteten "Haß". Indem der Liberalismus die Marktwirtschaft will, lehnt er logischerweise andere Wirtschaftssysteme – Sozialismus und Interventionismus – und damit alles ab, was diese anderen Systeme dem Staate an besonderen Aufgaben zuweisen. Der Staat – der gesellschaftliche Zwangs- und Unterdrückungsapparat – ist in den Augen des Liberalismus weder ein Gott noch ein Übel, sondern eine unentbehrliche gesellschaftliche Einrichtung.
Der Liberalismus ist ein Erzeugnis der Nationalökonomie. Er entspringt der Erkenntnis, die das Wesen der nationalökonomischen Lehre von den Markterscheinungen ausmacht, daß nämlich der einzelne in Verfolgung seiner richtig verstandenen Interessen notwendigerweise der Wohlfahrt der Mitmenschen dient. Während alle älteren Lehren Entstehung und Bestand gesellschaftlicher Bindungen auf göttliche Einsetzung oder auf das Wirken charismatischer Zwingherren zurückzuführen suchten, erblickt der Nationalökonom in der höheren Ergiebigkeit arbeitsteilig verrichteter Arbeit das Prinzip, das die Gesellschaft aufbaut und erhält. Im nichtmenschlichen Kreis der natürlichen Dinge sind für jedes Lebewesen alle übrigen Individuen, besonders auch die seiner eigenen Gattung, Mitbewerber um einen Anteil an knapp bemessenen Unterhaltsvorräten. Da herrscht unversöhnlicher Interessengegensatz zwischen dem Wesen, das überlebt, und dem, das stirbt, weil ein anderes ihm das Futter weggeschnappt hat. Da gilt der Satz Montaignes, der Grundgedanke aller vorliberalen und antiliberalen Politik, insbesondere auch des Merkantilismus: Die Quelle, aus der der Gewinn eines Individuums stammt, ist der Verlust eines andern. Dieser biologisch bedingte Krieg aller gegen alle wird nicht etwa durch den Abschluß eines Gesellschaftsvertrages beendet, sondern durch die Erkenntnis der höheren Ergiebigkeit arbeitsteilig verrichteter Arbeit, die allein das Vertragen ermöglicht. In der gesellschaftlichen Arbeitsteilung wird der unversöhnliche biologische Konflikt des Kampfes aller gegen alle überwunden und in den gesellschaftlichen Wettbewerb übergeleitet, bei dem es nicht mehr um Leben und Tod geht, sondern um die Erlangung eines Platzes im Rahmen der gesellschaftlichen Ordnung. Alle Interessengegensätze werden letztlich durch das gemeinsame Interesse aller an der Erhaltung und Fortbildung der gesellschaftlichen Zusammenarbeit aufgelöst. In diesem Sinne sprechen die älteren Generationen der Liberalen von der Harmonie der richtig verstandenen Interessen. Die Modernen ziehen den Ausdruck "endliche" (long run) Interessen vor.
So ist die liberale Gesellschafts- und Wirtschaftslehre rein diesseitig und frei von religiösen Gedankengängen. Gottgläubige Nationalökonomen wie Adam Smith und Frédéric Bastiat gelangen dann in der Gesamtbetrachtung der gesellschaftlichen Gebilde ebenso dazu, Gott als deren Schöpfer zu preisen, wie es gottgläubige Naturforscher in der Gesamtbetrachtung der Naturerscheinungen seit altersher zu tun pflegen.
Man hat den Liberalismus auch ein Erzeugnis des Utilitarismus genannt. Das ist insofern richtig, als der Grundgedanke des Utilitarismus, ein jedes Handeln an seinen Früchten zu erkennen und danach zu beurteilen, den Ausgangspunkt nationalökonomischen Denkens bildet. Es ist falsch insofern, als man sowohl die Nationalökonomie als auch den Liberalismus des ethischen Materialismus bezichtigen wollte.
Eine auch nur einigermaßen angemessene Untersuchung dieses ethischen Problems verlangt ein Eingehen auf die Geschichte der Philosophie und die der Nationalökonomie und besonders auch auf die Erkenntnistheorie der Wissenschaften vom menschlichen Handeln, für das hier der Raum fehlt. Es muß genügen festzustellen, daß, wenn die Nationalökonomie von dem Streben des einzelnen nach Befriedigung seiner Wohlfahrtszwecke spricht, sie das Wort "Wohlfahrtszwecke" im weitesten Sinn gebraucht, "in welchem es nicht bloß die egoistischen Zwecke eines Subjekts, sondern alles umfaßt, was diesem erstrebenswert erscheint" (Eugen v. Böhm-Bawerk, 1886). Der Liberalismus als wirtschaftspolitisches Parteiprogramm geht über diese wertfreie Haltung der Wissenschaft hinaus und trägt der historisch-empirisch feststellbaren Tatsache Rechnung, daß die ungeheure Mehrheit aller Menschen Leben dem Tode, Gesundheit dem Leiden und eine reichlichere Versorgung mit materiellen Gütern einer weniger reichlichen vorzieht. Von diesem Gesichtspunkt aus empfiehlt er die Marktwirtschaft, den Kapitalismus, und verwirft Interventionismus und Sozialismus. Die Nationalökonomie sagt: Diese Maßnahme ist zweckwidrig; sie wird nicht das erzielen, was die, die sie befürworten, erreichen wollen; sie wird vielmehr Folgen zeitigen, die vom Standpunkte ihrer Befürworter weniger befriedigend sind als der Zustand, den sie ändern soll. Der Liberalismus fügt hinzu: Darum bekämpfe ich diese Maßnahme.
(598) Einige Menschenalter einigermaßen liberaler Wirtschaftspolitik haben die Volkszahl vervielfacht und dem Durchschnittsmenschen der kapitalistischen Länder eine Lebenshaltung gebracht, die hoch über der der Wohlhabenden älterer Zeiten liegt. Der Rückgang der Kindersterblichkeit und das Verschwinden mancher Volksseuchen beleuchten die Aussprüche jener, die die Wirtschaftsethik der mittelalterlichen Denker preisen und dem Erwerbsstreben vorwerfen, daß es "ruin to the soul and confusion to society" bringe (Richard Henry Tawney, 1926).