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| Friedrich von Wieser und die moderne Österreichische Schule der Nationalökonomie |
Biographie über Friedrich Freiherr von Wieser
Friedrich Freiherr von Wieser
An den Quellpunkten jenes Erkenntnisstromes, der im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts von Österreich aus der Nationalökonomie und vielfach darüber hinaus der gesamten gesellschaftstheoretischen Forschung neue Impulse gab und neue Wege wies, stehen die Namen Carl Menger, Friedrich Wieser und Böhm-Bawerk, der drei Begründer der „österreichischen Schule der Nationalökonomie“, eng verbunden durch gemeinsame Pionierarbeit und doch nach Persönlichkeit und Lebensweg so ganz verschieden. Frühzeitig und jäh steigt zu höchsten Gipfelpunkten die Lebenskurve Carl Mengers, der die Grunderkenntnisse der neuen Lehre zutage förderte, um dann bald wieder abzufallen und in der Ruhe geistigen Genießens bis an die äußerste Grenze menschlichen Alters zu verlaufen: als ob die ganze produktive Kraft eines langen Lebens in einen kurzen Abschnitt zusammengeschossen wäre, unvergängliche Leistungen hervorzubringen, dann aber zu versiegen. Böhm-Bawerks Ingenium, entzündet an Mengers neuen Gedanken, war unablässig bemüht, sie in kristallklaren Formulierungen auf großen und wichtigen Gebieten der Theorie fortzubilden. Verbreiter der neuen Lehre in der ganzen wissenschaftlichen Welt, aber auch überlegener Kämpfer für sie, konnte er als Finanzminister und Schöpfer der österreichischen Personalsteuerreform die neuen Erkenntnisse auch unmittelbar dem praktischen Leben dienstbar machen. Reich an wissenschaftlichem Ruhm und staatsmännischen Erfolgen, auf immer noch ansteigender Bahn, wurde sein Leben, lange bevor alle in ihm schlummernden Möglichkeiten erschöpft waren, jäh abgerissen.
Wiesers Bahn allein von den dreien weist jene naturhafte Geschlossenheit auf, jenen Einklang von Ende mit dem Anfang, welcher nach einem Worte Goethes der idealen Lebenslinie eigen ist. Schon dem Geiste des Jünglings, durch Anlage und die politischen Ereignisse der Zeit den Problemen des gesellschaftlichen Geschehens zugewendet, eröffnete sich klar die Aufgabe seines Lebens: die Erforschung der Kräfte und ihres Gesetzes, welche den Aufbau und die Wandlungen der Gesellschaft und damit den Gang der Geschichte bestimmen. Die Berührung mit Mengers Gedanken führte ihn zunächst auf das wirtschaftstheoretische Feld, ein großes und wichtiges Teilgebiet gesellschaftlichen Lebens, auf dem er in Jahrzehnten tiefgründiger Forscherarbeit neuen Boden der erkenntnismäßigen Beherrschung gewann. Ein langes fruchtbares Gelehrtenleben hat er daran gewendet; ihm selbst aber wurde es Weg, der durchmessen werden mußte, Anstieg zu den Höhen gesellschaftstheoretischer und geschichtsphilosophischer Erkenntnisse, die ihm in dem Werke seines letzten Lebensabschittes Erfüllung seiner Jugendaufgabe brachten.
Staunend wird der rückschauende Blick auf das reiche Leben und Wirken dieses Mannes eine Harmonie und Folgerichtigkeit gewahr, die wie ein großes Naturgeschehen oder ein geändertes Kunstwerk anmuten. Und in der Tat, mächtig und unbeirrbar gleich einer Naturkraft, wirkte in ihm der Drang nach Erkenntnis und schöpferischer Gestaltung; er gab diesem Leben Ziele und Inhalt. Gestaltung und Ausdruck aber der zutiefst im künstlerischen Urgrund der Persönlichkeit wurzelnde Wille zur Form, der Größtes wie Kleinstes, Erlebtes und Erdachtes in verklärender Harmonie zur Einheit fügte.
In selten großem Zusammenklange trafen sich in Wiesers Wesen alle die vielen Begabungen des Geistes und des Gemütes, die, auf dem alten Kulturboden Österreichs reich verstreut, so viele edle Blüten in Wissenschaft und Kunst hervorgebracht haben: ursprünglicher gesunder Sinn für die Tatsachen, schärfste Beobachtungsgabe und zugleich höchste Abstraktionsfähigkeit, selbstvergessenes Sichversenkenkönnen in die Probleme der Erkenntnis und die Kraft intuitiver Erfassung verborgener Zusammenhänge, Freude an beseelter Form, die Gabe künstlerischer Gestaltung des Erschauten, Rhythmus, Klang und Farbe im Ausdruck, tiefe Verbundenheit mit der Natur, ein warmfühlendes und gütiges Herz, treueste und tätige Liebe zur Heimat und Volk - und all dies zusammengehalten durch einen kraftvollen Willen und strengste Selbstzucht zu jener harmonischen Geschlossenheit der schöpferischen Persönlichkeit, die siegreich über allen seinen Werken aufleuchtet und ihnen den Charkater des Monumentalen aufprägt.
Von ihm berichten, heißt das Bild eines der edelsten Repräsentanten Altösterreichs festhalten, in dem alle menschlichen und politischen Züge des Österreichertums sich vereinigen. Auf sein wissenschaftliches Lebenswerk einen zusammenfassenden Rückblick werfen, kann in diesem nicht bloß für die Fachwelt bestimmten Rahmen nur bedeuten, Umrisse zu geben. Denn jede eingehendere Darstellung wäre enge und allseitig verwoben mit der ganzen Geschichte des ökonomischen und gesellschaftstheoretischen Denkens des letzten halben Jahrhunderts.
Friedrich Wieser wurde am 10. Juli 1851 in Wien als viertes von neun Kindern des Hofrates im österreichischen Kriegsministerium, späteren Geheimrates und Vizepräsidenten des Gemeinsamen Rechnungshofes Leopold Wieser, geboren. Sein Vater, ein kunstliebender Mann (er wollte ursprünglich Maler werden und hat später die „Österreichische Gesellschaft für vervielfältigende Kunst“ ins Leben gerufen), wurde 1859 wegen der großen Verdienste, die er sich dank seiner hohen organisatorischen Gaben und Energie als Generalintendant der österreichischen Armee im Kriege gegen Italien erworben hatte, geadelt und nachher in den Freiherrenstand erhoben. Die väterlichen Vorfahren, süddeutschen Blutes, waren österreichische Beamte und Militärs, gehärtet durch langen Dienst an der österreichischen Militärgrenze. Vieles in seinem Wesen hat Wieser von seiner Mutter, Mathilde von Schulheim, einer gebürtigen Grazerin, ererbt: mit der hohen Gestalt und den edlen ausdrucksvollen Zügen, das sonnige Auge und die heitere Ruhe, die er sich bis ins hohe Alter bewahrt hat. Über seinen geistigen Entwicklungsgang hat Wieser selbst bei verschiedenen Gelegenheiten wertvolle Aufschlüsse gegeben.(1) Schon während der Gymnasialstudien bei den Schotten in Wien, wo Heinrich Freidjung und Eugen von Böhm-Bawerk, mit denen ihn Freundschaft durchs ganze Leben verband, seine Mitschüler waren, war sein lebhaftes Interesse der Geschichte zugewendet. Mit Leidenschaft vertiefte er sich in die universalhistorischen Meisterwerke, schärfte hieran seinen Blick für die großen Weltzusammenhänge und schuf sich schon damals jenen unerschöpflichen Fonds an geschichtlichen Kenntnissen, der es ihm später gestattete, immer aus dem Vollen zu schöpfen, und ihm ungeachtet aller Arbeit an abstraktesten Problemen, den Sinn für die Wirklichkeit wach erhielt.
Als er mit siebzehn Jahren an die Wiener Universität kam, widmete er sich, wie es für die Ausbildung des Sohnes eines hohen Beamten traditionsgemäß war, aber wohl auch mitbestimmt durch sein großes Interesse an den politischen Ereignissen der Zeit, da Östereich eben eine Verfassung erhalten hatte, dem Studium der Jurisprudenz. Soviel Anregung er auch dem Rechtsstudium verdankte, es konnte ihn nicht befriedigen; die Rechtswissenschaft wurde damals als etwas Fertiges, Abgeschlossenes vorgetragen, ohne große neue Erkenntnisaufgaben, ihn aber reizte es gerade zu erkennen, „welche Macht es wäre, die dem Gesetzgeber selbst die Gesetze gab“, die ungeschriebenen Gesetze der Gesellschaft zu erforschen. Zum kräftigen Antrieb in dieser Richtung wurde ihm damals Herbert Spencers „Einleitung in das Studium der Soziologie“, die ihm zufällig in die Hand kam. „Mein Traum war von jetzt ab, namenlose Geschichte zu schreiben, die Aufzeichnung der großen unpersönlichen Kräfte in der menschlichen Gesellschaft, welche mit Notwendigkeit die Geschehnisse herbeiführen. Den Zugang zur Lösung dieser Aufgabe erhoffte sich Wieser am ehestens auf dem Gebiete der Volkswirtschaft zu finden, da die Gesetze der wirtschaftenden Gesellschaft scheinbar offener zutage lagen als die der sonstigen gesellschaftlichen Prozesse. Aber da befand er sich auch schon „in jener Not des Denkens, wie sie damals die ökonomische Wissenschaft bedrängte“.
Die wirtschaftstheoretischen Vorlesungen Lorenz von Steins, des damaligen Professors der Nationalökonomie an der Wiener Universität, soviel Schätzenswertes diesem Gelehrten auch sonst nachzurühmen sein mag, boten „glänzende Worte, welche die Begriffe verhüllten“; die deutschen Lehrbücher gewissenhafte Wiedergabe fremden Gedankengutes der englischen und französischen Klassiker; das Studium der Klassiker selbst brachte Enttäuschung, es fehlte ihren Werken die zwingende Geschlossenheit und die Übereinstimmung ihrer Resultate mit den Tatsachen. Falsche Idealisierungen, Deduktion aus unempirischen Voraussetzungen und daraus folgend eine unüberbrückbare Kluft zwischen Theorie und Wirklichkeit, vor allem aber der Mangel einer für die Erklärung der wirtschaftlichen Vorgänge zureichenden Theorie des Wertes, hatte die Lehre der Klassiker nach schnell erreichten Erfolgen diskreditiert. Die Folge war, daß man auf dem Gebiete der Nationalökonomie zu einer allgemeinen Abkehr von jeglicher Theorie, in Deutschland geradezu einer Verfemung theoretischer Arbeit gelangte und sich auf bloße wirtschaftsgeschichtliche Forschung einerseits und Erörterung wirtschafts- und sozialpolitischer Forderungen anderseits beschränkte, die mit den gegensätzlichsten Argumenten - je nach politischen Interessen und Verschiedenheit der ganzen Weltanschauung - aufgestellt, begründet oder bekämpft wurden.
Dem Mute und dem Genie Carl Mengers gelang es, den lähmenden Bann, der in jener Zeit auf der Wirtschaftswissenschaft lastete und jeden Fortschritt verhinderte, zu brechen und mit der in seinen „Grundsätzen der Volkswirtschaftslehre“ (1871) gebotenen neuen Lehre vom wirtschaftlichen Werte das Fundamentalgesetz aller Wirtschaft zu erschließen. Wieser, obwohl nicht in eigentlichem Sinne Schüler Mengers, der damals als junger Privatdozent an der Wiener Universität wirkte, war einer der ersten Leser dieses Buches; es war ihm Befreiung aus tiefster geistiger Bedrängnis. Ihm war damit der „Archimedische Punkt“ gegeben, von dem aus er das Chaos des wirtschaftlichen Geschehens zu meistern versuchen konnte.
Mengers Entdeckung der psychischen Gesetzmäßigkeiten der Güterbewertung als der konstituierenden Elemente alles Wirtschaftens war ein Ausgangspunkt, von dem aus er selbst eine Reihe unmittelbarer Folgerungen auf Erklärung der einfachsten Wirtschaftstatbestände in überzeugender Weise ziehen und bestimmte Grundzusammenhänge in eherner Geschlossenheit und lapidaren Formulierungen darstellen konnte; aber gegenüber der Fülle der scheinbar jeder einheitlichen systematischen Lösung widerstrebenden Probleme doch eben nur Ausgangspunkt. Die Lage war nicht etwa die, daß es sich nunmehr bloß um gewissenhafte Anwendung der neu gefundenen Erkenntnisse, um Durchführungsarbeit gehandelt hätte; auch dies wäre bei der Formenfülle und Kompliziertheit der wirtschaftlichen Vorgänge eine gewaltige Aufgabe gewesen. Aber es waren außer den von Menger erforschten psychischen noch andere von der technischen und sozialen Seite her die Wirtschaft konstitutierende Elemente in ihrem gesetzmäßigem Zusammenwirken zum Gesamtprozeß der Wirtschaft zu ergründen, und es zeigte sich, daß auch die Wirkungsweise des psychischen Faktors selbst, um ihn für die lückenlose Erklärung des gesamten Wirtschaftsablaufes, insbesondere der komplizierteren Phänomene fruchtbar machen zu können, noch mancher Vertiefung bedurfte. Den Bausteinen, die Menger gelegt hatte, waren noch andere Grundsteine hinzufügen, um tragfähige Grundmauern zu erhalten, und darauf erst der ganze Bau einer umfassenden Theorie zu errichten.
Mit leidenschaftlicher Hingabe wandte sich Wieser der ungeheuren Aufgabe zu. Er war nicht in der glücklichen Lage, seine ganze Karft sofort ausschließlich und unbehindert diesem Ziele widmen zu können. So trat er nach Abschluß der juristischen Studien zunächst in den Dienst der niederösterreichischen Finanz-Landes-Direktion. Er hat die zehn Jahre verantwortungsvoller praktischer Tätigkeit in der strengen Schule altösterreichischen Beamtentums, durch die so viele bedeutende Lehrer des Rechtes und der Wirtschaft hindurchgegangen sind, niemals bereut. Sehr förderlich wurde seinen wissenschaftlichen Arbeiten ein zweijähriger Studienurlaub, den er auf Grund eines Reisestipendiums in den Jahren 1875 bis 1877 in Heidelberg, Leipzig und Jena verbrachte, wo er sich in den Seminaren von Knies, Roscher und Hildebrand betätigte. In einem Seminarvortrag, den er im Jahre 1876 bei Knies in Heidelberg hielt und dessen Manuskript noch erhalten ist, finden sich bereits mehrere Grundgedanken seiner künftigen Arbeiten ausgesprochen, vor allem jene weittragende Erkenntnis über den Zusammenhang von Wert und Kosten, welche erst die Brücke schlug von der Mengerschen Entdeckung zur theoretischen Erfassung des Produktionsprozesses, bisher unüberwindbar scheinende Widersprüche beseitigte und mit einem Schlage ein ganzes Bündel von Problemen löste: eine Erkenntnis, welche das spätere Schrifttum als das „Wiesersche Gesetz“ mit seinem Namen für alle Zeiten verbunden hat.
Langsam und in harter Arbeit reifte sein erstes Werk „Über den Ursprung und Hauptgesetze des wirtschaftlichen Güterwertes“ (1884). Nochmals werden die neuen Probleme selbständig bis in ihre letzten Tiefen durchdacht, manches Ergebnis Mengers berichtigt, vieles in wesentlichen Stücken ergänzt und außer der bereits erwähnten Ableitung des Wieserschen „Kostengesetzes“ der Begriff des „Grenznutzens“ entwickelt, der von nun ab zum tragenden Begriff der neuen Lehre wurde, die von ihm auch ihren Namen erhielt. Menger stand der Arbeit zunächst sehr zurückhaltend gegenüber, und Wieser selbst hätte sich bei seinem überaus entwickelten Selbstverantwortungsgefühl noch immer zur Veröffentlichung nicht entschließen können, wenn nicht äußere Umstände ihn dazu gedrängt hätten. 1883 habilitierte er sich mit dem Manuskript dieses Werkes an der Wiener Universität, ein Jahr später folgte die Berufung als Extraordinarius an die deutsche Universität in Prag, 1889 die Ernennung zum ordentlichen Professor. Hier vermählte er sich 1886 mit Marianne Wolf, der Tochter eines deutschen Prager Architekten, in der er die ihm an Geist und Charakter ebenbürtige treue Gefährtin fand, die mit sonnig heiterem Wesen seinen Lebensweg bis ans Ende verklärte.
Mit dem Antritte der Prager Lehrtätigkeit begann für Wieser, nunmehr ledig der schweren Bürde bureaukratischen Dienstes, eine Periode reicher Produktivität. Nicht im Sinne des ökonomischen Durchschnittsgelehrten, der Jahr für Jahr sein dickes Buch auf den Markt bringt. Ihm kam es nie auf das Buch, immer nur auf Erkenntnis an, und ebenso wie bei seinem ersten Werke war es auch bei den beiden späteren der ökonomischen Theorie gewidmeten Hauptarbeiten nur äußerem Zwange zu danken, daß sie veröffentlicht wurden.
Wieser stellte die höchsten Anforderungen an sich selbst und war kaum je mit seinen Arbeiten völlig zufrieden. Nicht etwa im Vergleich mit dem zeitgenössischen Schrifttum - dieses Abstandes war er sich sehr wohl bewußt - aber im Verhältnis zu den Problemen, die ihm mit drängender Forderung nach restloser Durchleuchtung gegenüberstanden. Sie waren aus der eigenen Kraft des erkenntnisdurstigen Jünglings erwachsen, er hatte sich an ihnen begeistert, mit ihnen gerungen, an ihnen gelitten: Wie anders mußte er ihnen gegenüber stehen als einer, dem sie nur von außen her als Lesefrüchte in den Interessenkreis gerückt waren. Ein Höchstmaß an Erkenntnis in exaktester Form und in geschlossenster Darstellung: Die Aufgabe, die er sich stellte - es ist die Aufgabe aller theoretischen Wissenschaft - kann nie zu endgültigem Abschluß und damit Stillstand führen. So greift sein nächstes Buch „Der natürliche Wert“ (1889) wieder auf die Grundprobleme zurück, ein Werk, das mit Recht als klassische Leistung der modernen Wirtschaftstheorie bezeichnet wurde, von bis heute noch unübertroffener Darstellungskunst und systematischer Geschlossenheit, das überaus viel dazu beigetragen hat, daß die österreichische Schule der Nationalökonomie in der ganzen Welt - eine Übersetzung ins Englische von W. Smart erschien 1893 - siegreich durchgedrungen ist.
Hier, in diesem Werke, tritt Wiesers Meisterleistung am sinnfälligsten zutage: Der streng geführte Nachweis der Einheit der Wirtschaft, vermittelt durch das Wertprinzip, die Entdeckung des Wirtschaftsprozesses als eines nach bestimmten, exakt formulierbaren Gesetzen sich vollziehenden Kreislaufes. Wieder geht Wieser, der Anregung Mengers folgend, vom Herzen des wirtschaftlichen Kreislaufes, der Bewertung der Güter durch die Menschen aus, diesmal unter der als heuristisch äußerst fruchtbar bewährten Annahme der „geschlossenen“, das ist für den eigenen Bedarf produzierenden Wirtschaft. Jeden Schritt gesichert durch Erfahrung an den äußeren und psychischen Tatbeständen, leitet er das Gesetz des Güterwertes als das Gesetz des mit zunehmendem Vorrate an einem Gute fallenden Nutz(bedürfnis)wertes ab. Durch die Aufzeichnung des funktionellen Zusammenhanges zwischen Gütermenge und von der Gütereinheit abhängigem Nutzen („subjektivem Wert“) sind die „Paradoxien“, über welche die klassische Nationalökonomie nicht hinweggekommen war und welche sie von der Bahn einer empirisch fundierten Werttheorie abgedrängt hatten, beseitigt. Er schreitet weiter zur Ableitung des Grenznutzens: daß die geringste von allen durch einen Gütervorrat bei rationellster Verwendung noch gesicherte Nutzleistung, der Nutzen der Grenzeinheit oder der Nutzen an der Grenze der Verwendung des Vorrates, den subjektiven Wert des Gutes bestimmt. Und nun reiht sich Erkenntnis an Erkenntnis und fügt sich zum geschlossenen System. Wenn es der Nutzen ist, der den Gütern ihren Wert verleiht, dann können nicht zugleich die „Kosten“ die Entstehungsursache des Wertes sein, wie die ganze bisherige Theorie gelehrt hatte. In einem berühmt gewordenen Beweisgange zeigt Wieser, daß die Werte der Kostengüter, der Produktionsmittel, nicht als das primär Gegebene den Wert der Produkte bestimmen, sondern umgekehrt vom Nutzwerte der Produkte, als dem Primären, abgeleitet sind; und daß auch hier das Gesetz des Grenznutzens gilt: Der Wert des an der Grenze der Produktion erzeugten Produktes, „der Grenzwert des Grenzproduktes“, bestimmt den Wert der Produktionsmitteleinheit, und dieser wieder tritt den Nutzwerten aller der verschiedenartigen höherwertigen Produkte desselben Produktionsstammes als „Kosten“ gegenüber. Damit, durch Einbeziehung der Produktion, ist der Kreis geschlossen, der organische Zusammenhang der Werte aller Güter, der Gebrauchsgüter sowohl wie der Produktionsmittel, und dadurch der gesetzmäßige Zusammenhang aller Wirtschaftsakte, zum ersten Male aufgezeigt.
Es können hier nur einige Hauptresultate, und auch diese nur andeutungsweise hervorgehoben werden. Aber mit ihnen ist jener Grundstock von Erkenntnissen geschaffen, welcher heute als „Theorie der einfachen Wirtschaft“ bezeichnet wird. Jenes System von ineinandergreifenden Gesetzmäßigkeiten, das immer und überall gilt, wo Wirtschaft vorliegt, mögen die konkreten Gestaltungen der gesellschaftlichen Organisation, der Rechtsordnung und Machtverteilung noch so sehr wechseln; was durch letztere verändert wird, sind nicht die Wirtschaftsgesetze, sondern deren konkrete Auswirkungen. Wirtschaftstheorie als strenge Wissenschaft wurde dadurch erst möglich. Denn nur mit Hilfe dieser Gesetze des Reinwirtschaftlichen konnte an eine zusammenhängende Erklärung auch des gesellschaftswirtschaftlichen Prozesses geschritten werden, der vorher nur bruchstückweise in einer Unzahl von speziellen, historisch bedingten Gesetzmäßigkeiten ohne notwendigen inneren Zusammenhang erfaßt werden konnte.
Wenn die Höhe des Entwicklungsstandes und damit der Grad der Fruchtbarkeit einer theoretischen Wissenschaft gegeben ist durch den Grad der Allgemeingültigkeit der von ihr aufgefundenen Gesetze, durch das Ausmaß, in dem es ihr gelingt, speziellere Gesetzmäßigkeiten in allgemeinere zusammenzufassen und dadurch die Fülle der Tatsachen auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen: dann ist dies der Wirtschaftstheorie der österreichischen Schule durch das Zurückgreifen auf die letzten der wissenschaftlichen Erfassung noch zugänglichen Elemente der Wertbildung in so hohem Maße gelungen, daß die von ihr aufgefundenen Grundgesetze, eben weil sie das Konstante aus der unendlich variablen Formenfülle der wirtschaftlichen Vorgänge herausheben, das unentbehrliche Erklärungsinstrument für den Wirtschaftablauf in jedem denkbaren Organisationstypus abgeben. Alle spezielleren Theorien über den gesellschaftlichen Wirtschaftsprozeß unter den spezifischen Voraussetzungen des verkehrswirtschaftlich-kapitalistischen, des sozialistischen, des ständischen usw. Organisationstypus stellen sich nunmehr als bloße Anwendungsfälle dieser allgemeinen Grundgesetze auf die verschiedenen Organisationstypen dar. Zwei Folgerungen von höchster Bedeutung ergeben sich daraus: einmal, daß bei Änderung der volkswirtschaftlichen Organisation ab ovo zu schaffen genötigt ist, sondern bloß jene Modifikationen abzuleiten braucht, die sich aus den einmal erkannten allgemeinen Wirtschaftgesetzen bei Veränderung der gesellschaftlichen Voraussetzungen ergeben; und zweitens, daß es nunmehr möglich ist, die wirtschaftlichen Wirkungen von Änderungen der gesellschaftlichen Organisation, von Änderungen der Rechtsordnung und die Folgen aller staatlichen Eingriffe in die Wirtschaft vorherzusagen. Wissenschaftlich fundierte Wirtschaftspolitik und insbesondere Sozialpolitik ist damit erst ermöglicht.
Eine Theorie, die sich nach diesen beiden Richtungen als leistungsfähig gezeigt, hat damit ihre Fruchtbarkeit erwiesen, sie hat sich, worauf allein es für eine Theorie im echten Sinne ankommt, an den Tatsachen bewährt. Eine solche Wirtschaftstheorie, die auf Lösung der sachlichen Probleme mit Hilfe aus der Analyse des Erfahrungsmaterials gewonnener Gesetze ausgeht, muß grundsätzlich von derselben Art sein wie alle exakten auf die Erklärung des empirischen Seines eingestellten Wissenschaften. Sie hat daher nichts zu tun mit den nach individuellen „Standpunkten“, „Auffassungen“, „Anschauungen“ usw. verschiedenen Wirtschafts-“philosophien“, welche - mögen sie sich auch häufig zu Unrecht als Theorien bezeichnen - zur Erklärung der Tatsachen nichts beitragen und nichts beitragen können, und alle von dorthergebrachten „Einwendungen“ müssen von Anfang an daneben treffen. Wirtschaftsphilosophien gibt es eben grundsätzlich so viele als Wirtschaftsphilosophen, und der notwendig ergebnislose Streit der „Richtungen“ wird hier nie verschwinden. Unter mehreren Wirtschaftstheorien aber ist durch Verifizierung an den Tatsachen und Aufzeigung des Umfanges des Geltungsbereiches die Überlegenheit einer von ihnen beweisbar, und dieser Beweis und damit auch der Erfolg des allgemeinen Durchdringens ist eben für die Theorie von jenem Stamme ausgefallen, der - so viele Varianten in manchen Details auch vorhanden sein mögen - aus den Erkenntnissen der österreichischen Schule erwuchs und hier wieder für jene Gestaltung, welche Wiesers Grenznutzentheorie darstellt.
Nach der ungeheuren Anspannung der durch viele Jahre währenden intensiven Beschäftigung mit Problemen abstrakter Theorie wendete sich Wieser nunmehr für längere zeit mehr den praktischen Fragen der Nationalökonomie zu. Eine ganze Reihe kleinerer, aber in der Fachwelt sehr geschätzter Arbeiten über volkswirtschaftspolitische, finanzpolitische, aber auch gesellschaftheoretische Fragen entstand in jenen Prager Jahren, darunter insbesondere „Großbetrieb und Produktivgenossenschaft“ (1892), „Die Personaleinkommensteuer in Österreich“ (1901), eine kritische Würdigung dieser Steuer unter Verwertung der Ergebnisse der ersten Veranlagung, und „Die deutsche Steuerleistung und der öffentliche Haushalt in Böhmen“ (1904). Daneben widmete Wieser viel von seiner Kraft dem öffentlichen Leben und den deutschen Interessen in Prag. In dem bewegten Studienjahre 1901/02 lenkte er als Rektor mit Festigkeit und Umsicht die Geschicke der Prager Deutschen Universität durch die hochgehenden Wogen des nationalen Kampfes. Seine formvollendete und gedankenreiche Inaugurationsrede „Über die gesellschaftlichen Gewalten“ läßt bereits Grundmotive erkennen, welche in seinen späteren großen soziologischen Werken dominieren. Alle deutschen Kulturinteressen, besonders das deutsche Schulwesen in Prag, fanden in ihm einen warmen und tatkräftigen Förderer, und seine Künstlernatur ließ ihn mit allen hervorragenden Persönlichkeiten der deutschen Kunst in Böhmen in enge Verbindung treten. Besonders durch seine langjährige und überaus fruchtbare Tätigkeit als Präsident der „Gesellschaft zur Förderung deutscher Wissenschaft, Kunst und Literatur in Böhmen“ ist sein Name mit der deutschen Kultur in Prag dauernd verbunden.
Die Berufung an die Wiener Universität im Herbst des Jahres 1903 als Nachfolger auf der Lehrkanzel Carl Mengers war Wieser ersehnte Rückkehr in die geliebte Heimat. Auch hier, wie überall, wo er auftrat, sicherte ihm die Macht der Persönlichkeit sofort eine überragende Stellung. Seine Wiener Antrittsvorlesung „Über den Geldwert und seine geschichtlichen Veränderungen“ bringt einen Vorstoß auf Neuland, die Anwendung der neuen Erkenntnisse über den wirtschaftlichen Wert auf die Theorie des Geldes, die bisher unter der Herrschaft „metallistischer“ Anschauungen neuen Gedanken unzugänglich schien.
Den Problemen der Geldtheorie gehört in den nächsten Jahren sein wirtschaftswissenschaftliches Hauptinteresse. Sie fesselten ihn im höchsten Grade, nicht nur wegen der hier liegenden Schwierigkeiten, die fast unüberwindlich schienen, und weil die Gegner der neuen Lehre mit dem Anschein von Berechtigung sich darauf berufen konnten, daß eine Theorie, welche die Gesetze des Geldwertes nicht organisch aus ihren Grunderkenntnissen abzuleiten vermag, den Beweis ihrer Fruchtbarkeit nicht voll erbracht habe, sondern vor allem deshalb, weil hier in einem ökonomischen Problem zugleich das Grundproblem aller Gesellschaftsforschung eingeschlossen ist: Wie gesellschaftliche Erscheinungen aus dem Zusammenwirken individueller Faktoren nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten zustande kommen und dann, wenn einmal entstanden, als etwas „objektiv“ Geltendes sich, wieder nach bestimmten Gesetzen, auf alle Einzelnen auswirken. Wie sollte der Wert des Geldes, der für alle Einzelnen gleiche Geltung hat und daher als etwas „Objektives“ erscheint, selbst wieder auf dem Zusammenspiel einer Vielheit von subjektiven Wertungen beruhen? Wiesers intuitiver Kraft gelang es, die verborgenen und verwickelten Zusammenhänge zu erschließen. Er hat die Ergebnisse seiner Forschung zuerst in seinen auf der Tagung des Vereines für Sozialpolitik in Wien im Jahre 1909 abgehaltenen Referaten „Der Geldwert und seine Veränderungen“ und „Über die Messung der Veränderungen des Geldwertes“ niedergelegt, sie später in der „Theorie der gesellschaftlichen Wirtschaft“ ausgebaut und noch in hohem Alter, wenige Tage vor seinem Tode, sich um eine letzte Formulierung seiner geldtheoretischen Gedanken in dem Artikel „Theorie des Geldes“ im Handwörterbuch der Staatswissenschaften bemüht. Eine der bedeutendsten Leistungen Wiesers liegt auf diesem Gebiete. Seine Forschungen wurden zu einem Wendepunkt in der Entwicklung der Geldtheorie, und seine Lehre ist heute unter dem Namen der „Einkommenstheorie des Geldes“ zur herrschenden geworden.
Neben diesen und anderen theoretischen Arbeiten und durch sie hindurch drängte es Wieser seit Beginn seiner Wiener Tätigkeit immer stärker dem Erkenntnisziele seiner Jugend zu. Die aus Anlaß der Jahrhundertfeier des Schottengymnasiums (1907) geschriebene Abhandlung „arma virumque cano“, eine geistvoll pointierte Auseinandersetzung mit Herbert Spencers Kritik der „Großer-Mann-Theorie“, das aus Vorträgen auf den Salzburger Hochschulkursen hervorgegangene Buch „Recht und Macht“ (1910), mitreißend durch die Tiefe und Überzeugungskraft der Gedanken und die Wucht und Formenschönheit der Sprache: sie geben Gipfelaussichten, die sich ihm auf seinem soziologischen Forschungswege in diesen Jahren eröffnet hatten. Seine seltene Gabe, den neugefundenen Erkenntnissen Prägungen zu geben, die sie rasch zum Gemeingute der wissenschaftlichen Welt werden ließen, kommt auch hier wieder zum Ausdruck. Wohl keine soziologische Grundeinsicht hat eine glücklichere Formulierung gefunden als Wiesers „Gesetz der kleinen Zahl“.
Inmitten dieser Arbeiten, die ein Höchstmaß an Konzentration erforderten, einer ausgedehnten akademischen Lehrtätigkeit und vielfältiger Inanspruchnahme durch öffentliche Angelegenheiten fand Wieser dennoch Zeit, seinen künstlerischen Neigungen, die ihm tiefinnerliches Bedürfnis waren, nachzugehen. Kaum einer hat es tiefer erkannt, wie klein der Ausschnitt des allverbundenen rätselvollen Lebens, der dem Verstande erfaßbar ist, und wie allein ahnendes Gefühl und künstlerisches Empfinden der Weisen des Seins - um Hölderlins herrliches Wort zu gebrauchen - inne werden kann. Musik und die bloßen Werke der bildenden Kunst waren ihm Lebenselement, Erhebung und Erfüllung. Sein feiner künstlerischer Sinn ließ ihn aus dem drängenden Werden des Neuen mit staunenswerter Sicherheit herausfühlen, wo Echtes und Großes am Werke war, das er dann mit aller Kraft förderte. Er war einer der ersten, die für Hugo Wolf eintraten, als dieser noch fast unbekannt oder angefeindet war; er hat Anton Bruckners Genius zu einer Zeit erfaßt, als die Mitwelt noch kaum etwas mit ihm anzufangen wußte. Ein begeisterter Verehrer klassischer Musik, standen ihm doch Seele und Sinne für die neuen Ausdrucksformen offen. Unvergeßlich jedem, der ihn selbst am Klavier hörte. Auch zu den neuen Entwicklungserscheinungen in der bildenden Kunst hatte er ein inneres und notwendiges Verhältnis, und sein feinsinniges und gereiftes Urteil wurde von den Künstlerkreisen, mit denen er zeitlebens in enger Fühlung stand, immer hoch gewertet. Es war ein äußeres Zeichen dieser hohen Schätzung, daß ihm durch viele Jahre bis an sein Lebensende die Präsidentschaft der „Gesellschaft für vervielfältigende Kunst“ anvertraut war. Wenige konnten sich ihm vergleichen in der intimen und umfassenden Kenntnis der Werke der schönen Literatur aller Zeiten. Herangereift unter der Sonne Goethes und Shakespeares hat er sich bis ins spätere Alter die Fähigkeit bewahrt, mit jugendlicher Frische alle die verschiedenen Strömungen des Geisteslebens in sich aufzunehmen und schöpferisch wirken zu lassen. Die Universalität seines Wesens, die seltene Spannweite seines Geistes gab jeder persönlichen Berührung mit ihm dauernden Wert, verlieh ihm etwas Weltmännisches, das in nichts an einen Fachgelehrten erinnerte
Seine vornehm besonnene, ruhige Art und sein hochentwickeltes Sittlichkeitsgefühl ließen ihn alles lärmend geschäftigtuende Kleine, alles Erkünstelte und Aufdringliche, die verlogenen idealistisch tuenden Schönredereien in Wissenschaft und Leben wortlos abweisen. Er hat kaum je das Wort Ideal in den Mund genommen: So ernst meinte er es damit, der sein ganzes Leben den Idealen der Wahrheit und Schönheit geweiht hatte.
In wissenschaftliche Polemiken, und schon gar in persönliche, hat er sich nie eingelassen; das lag seinem durchaus aufs Positive gerichtetem Wesen nicht. Die zahlreichen und oft gehässigen Angriffe, denen er, wie jeder Schöpfer von Neuem ausgesetzt war, unbequem allen, denen nun zugemutet wurde, alte ausgefahrene Geleise zu verlassen, verhaßt jenen, die in der Wirtschaftstheorie nur ein Mittel zur Rechtfertigung ihrer Interessen oder politischen Anschauungen sahen und die daher einer rein erkenntnismäßig eingestellten Wirtschaftswissenschaft von Anfang an ablehnend gegenüberstehen mußten, ließ er unbeachtet. Er konnte es im Bewußtsein seines reinen Wahrheitsstrebens und der harten selbstkritischen Arbeit, die jeder seiner Veröffentlichungen vorhergegangen war. Tief durchdrungen von der Überzeugung, daß Wahrheit sich unter allen Umständen notwendig durchsetze, hat er die Macht der Vorurteile, die gerade auf dem Gebiete der Sozialwissenschaften sich wie unübersteigbare Mauern dem Vordringen der Erkenntnis entgegenstürmen, wohl zu gering eingeschätzt; zu wenig beachtet, daß auch heute noch der Erkenntnis vom Weg......................Kampf gegen.......und die Parteilichkeit politischen und persönlichen Eigennutzes, soll nicht ihr Werk wirkungslos oder doch ihr Sieg auf lange Zeit hinausgeschoben werden. Und sein Weg wäre noch viel opferreicher geworden, hätte er nicht, der selbst keine Kampfnatur war, Böhm-Bawerk und, streckenweise wenigstens, den genialen, leidenschaftlichen Max Weber als stets kampfbereite Weggenossen zur Seite gehabt.
Da er alle seine Erkenntnisse aus sich selbst herausholte, aus der tiefen Versenkung in die seinem scharfen Forscherblicke offen liegende Fülle der Erfahrung und, außer etwa der Anregung Mengers, niemand etwas zu verdanken hatte, ergab sich ihm auch keine Anlaß, sich - wie dies einer vielfach geübten gelehrten Tradition entspricht - in Serien liebender oder absprechender Zitate auf die Arbeiten anderer zu beziehen. Dies, und daß er als ein einsam Schaffender auch wenig persönliche Berührung mit der großen Mehrheit der Fachgenossen hatte und der Fruchtbarkeit gelehrter Disputationen sehr skeptisch gegenüberstand, hat ihm gekränkte Eitelkeit als Hochmut angerechnet, während es doch nur natürliche Folge der Unabhängigkeit und hohen Selbstverantwortung des schöpferischen Geistes war.
Allen Förmlichkeiten feind, aber in allen Lebenslagen vollendete Form und Haltung wahrend, trat Wieser erst im Kreise seiner Familie, vertrauter Freunde und Jünger ganz aus sich heraus. Eine unserer Zeit ganz fremdartige Atmosphäre hoher Geistigkeit erfüllte sein Haus und nahm jeden sofort gefangen. Weltenfern lag alles lärmende Gedränge der Gegenwart, hier war die reine, klare Luft einer Gipfelhöhe, ruhig-heitere Größe, naturhafte Echtheit und Schönheit, durchwärmt von dem Strahl seiner unergründlich tiefen, verstehenden und gebenden Güte. Hier - in dem alten Oppolzerhaus auf der Alserstraße mit seinem großen parkartigen Garten - war ein Treffpunkt bedeutender Künstler, Dichter, Musiker, Staatsmänner und Gelehrter aller Forschungsgebiete. Und unter dem Fluidum seiner faszinierenden Persönlichkeit drängte es jeden, sein Bestes zu geben. Wieser hatte die nur ganz großen Menschen eigene Fähigkeit zu geben, nicht nur, wenn er selbst das Gespräch führte - er beherrschte es in wahrhaft königlicher Art - sondern auch dann, wenn er schweigend, das Auge ruhend auf dem Sprechenden, zuhörte. Uns - damals - Jüngeren, die wir das Glück hatten, in diesem Kreise zu verkehren, dem jeder von uns wertvollste und vielfach fürs ganze Leben richtunggebende Anregungen verdankte, war es wie eine andere, höhere Welt, gemahnend an die Verse aus Hyperions Schicksalslied:“Ihr wandelt droben im Licht, auf weichem Boden, selige Genien...“ Daß dahinter ein Leben härtester Arbeit stand, das erkannten wir erst viel später.
Als akademischer Lehrer hat Wieser dank seiner kraftvollen Persönlichkeit, der bewunderungswürdigen Darstellungsgabe und der edlen Sachlichkeit tiefste und nachhaltigste Erfolge erzielt. Jeder seiner Vorträge, sei es in den „Vorlesungen“ - die nichts weniger als das waren, denn er sprach immer vollständig frei, ohne jede Aufzeichnung - sei es bei sonstigen Anlässen, bot, zwingend durch die klare Gedankenführung auch bei der Behandlung kompliziertester Fragen, nicht nur reichen geistigen Gewinn, sondern auch hohen ästhetischen Genuß. Verzichtend auf allen bei der Darstellung kulturwissenschaftlicher Probleme leider so vielfach üblich gewordenen schöngeistigen Aufputz, auf alle rhetorischen, auf Sensation abzielenden Kunstmittel und die pathetische Geste, verzichtend auch auf die so bewährten und bequemen Kunstgriffe politisierender Agitation, stellte er schlicht, einfach und groß wie von Meisterhand gemeißelte Marmorblöcke seine Gedanken aus sich heraus. Er sprach zu reifenden Männern, nicht zu Knaben; er forderte ein hohes Maß von Konzentration, aber er fand sie auch in der großen Zuhörerschaft, die sich um ihn scharte und seinen Worten lauschte, nicht nur aus den Kreisen der Studenten, sondern auch, zumal in seinen soziologischen Vorträgen, aus der ganzen geistig führenden Schichte Wiens. Nichts an ihm hörte, fühlte: Er war ein Priester im Dienste der Wahrheit. Und was er den jungen Leuten fürs Leben mitgab, war noch viel mehr als sachliche Erkenntnisse: Der Sinn und Wille zu unbeugsamer Wahrhaftigkeit und zu jener moralischen Tapferkeit, die er den höchsten soldatischen Tugenden für ebenbürtig hielt.
In der Form sind alle Arbeiten Wiesers Kunstwerke. Sein Schönheitssinn schöpfte aus der Tiefe, Kraft und Fülle der deutschen Sprache. Die große dialektische Schärfe, welche die Darstellungen Böhm-Bawerks auszeichnet, war seinem Wesen fremd; ihm erwuchs jeder Gedanke bei präzisestem Inhalt in harmonischer Rundung. Die Größe und Klarheit der Linienführung selbst in den Untersuchungen abstraktester Probleme hat ihm höchste Bewunderung eingetragen. Alles Grelle, Überspitzte, gesucht Geistreiche war ihm widerlich, verächtlich jedes Pathos. Aber über seinen Werken liegt die Ruhe und das Ebenmaß und der goldige Schimmer, der an die Bilder alter Meister gemahnt. Und was er einmal von Lassalle sagte, das wird man im gleichen Maße von ihm selbst gelten lassen müssen: „Er hehört zu den wenigen deutschen Gelehrten, deren Arbeiten aus der Wissenschaftsgeschichte in die Literaturgeschichte emporgestiegen sind!“
Langsam und unter mancherlei Hemmnissen hatten sich die neuen Gedanken der österreichischen Schule ihren Weg durch die Welt gebahnt und ihre reformierende Kraft in der italienischen, anglo-amerikanischen, französischen, holländischen und skandinavischen Wirtschaftstheorie zur Wirkung gebracht. Nur in Deutschland hatte man unter dem Banne der mit der historischen Schule erwachsenen allgemeinen Theoriefeindlichkeit wenig Verständnis für sie. Erst als die großen Erfolge im Ausland errungen waren, wendete man auch hier der neuen Theorie einige Aufmerksamkeit zu. Es war daher für Wieser eine große Überraschung und zugleich ein Zeichen für den vollen Sieg, als im Jahre 1912 die Herausgeber des großangelegten Sammelwerkes deutscher Nationalökonomie, des „Grundrisses der Sozialökonomik“, ihn, als den führenden Theoretiker der Gegenwart, zur Ausarbeitung des grundlegenden Bandes „Theorie der gesellschaftlichen Wirtschaft“ aufforderten. Schweren Herzens ließ er sich bewegen, noch einmal auf die Weiterführung seiner soziologischen Arbeiten zugunsten der Wirtschaftstheorie für mehrere Jahre zu verzichten. Entscheidend war ihm schließlich, daß es bisher eine geschlossene Darstellung der neuen Theorie in ihrer universellen Anwendung auf die Erscheinungen der modernen kapitalistischen Wirtschaft nicht gab und daß ihm für die künftige Fortentwicklung der Lehre die Veröffentlichung eines umfassenden Systems die beste Sicherheit zu bieten schien. In zweijährigem Urlaub bewältigte Wieser die wahrhaft gigantische Aufgabe, und im Sommer 1914 konnte die „Theorie der gesellschaftlichen Wirtschaft“ veröffentlicht werden. Sie kam zu ungünstiger Zeit heraus, die Wogen des Weltkrieges gingen über sie hinweg. Aber später, als die Geister sich wieder den Problemen der Erkenntnis zuwendeten, blieb der Erfolg nicht aus. Mit vollem Recht wurde dieses Werk von der Fachwelt als die größte synthetische Leistung der ökonomischen Theorie seit der Zeit der Klassiker gewertet. Hier wird in großzügigster Konzeption und in tiefstgehender Analyse der Gesamtablauf der kapitalistischen Wirtschaft der Gegenwart, wie er sich aus dem Zusammenwirken der allgmeinen Wirtschaftsgesetze und der gesellschaftlichen Grundgesetze unter den besonderen Voraussetzungen der Privatrechtsordnung, der gesellschaftlichen Organisation und Machtverteilung der Gegenwart ergibt, zur klarsten Anschauung gebracht. Wieser hat damit zugleich den glänzendsten Beweis für die Fruchtbarkeit der von ihm in der Theorie der einfachen Wirtschaft gewonnenen Grunderkenntnisse geliefert, indem er mit ihrer Hilfe die ganze Fülle und Mannigfaltigkeit der Erscheinungen in der modernen Volkswirtschaft in organischer Einheit erfassen konnte. Wenn es überhaupt zulässig ist, einzelnes aus einem umfassenden System hervorzuheben, so soll besonders auf den hohen Erkenntniswert seiner Lösungen der Probleme der Preistheorie, der Theorie der Einkommensbildung, in der sich die Leistungsfähigkeit der Wieserschen Zurechnungslehre zeigt, und hier wieder namentlich auf die Ableitung der Gesetze der Bildung und Veränderung des Lohnes, der Grundrente und des Unternehmergewinnes, auf den Ausbau der Wieserschen Geldtheorie, die Theorie der Staatswirtschaft und Weltwirtschaft hingewiesen werden.
Auch in methodischer Beziehung ist dieses letzte große ökonomische Werk Wiesers vorbildlich geworden. Die Methode der „isolierenden Annahmen“ - der gedanklichen Zerlegung der komplexen Erscheinungen der gesellschaftlichen Wirtschaft in ihre Elemente, um deren Wirkungsweise frei von allen Störungen erkennen zu können - des Operierens mit „Idealtypen“ - der gedanklichen Steigerung der empirischen Vorgänge zu reinen typischen Formen, an denen die Gesetze der Erscheinungen am deutlichsten abgelesen werden können - und der „abnehmenden Abstraktion“ - des schrittweisen Herabsteigens von den typischen Formen zu den mannigfachen Gestaltungen der Wirklichkeit durch Aufnahme einer immer größeren Zahl der konkreten empirisch gegebenen Voraussetzungen unter die Annahmen der theoretischen Gedankenführung: diese Verfahrensarten, deren Analoga sich in den Naturwissenschaften schon lange als höchst fruchtbar erwiesen hatten, hatte Wieser schon in seinen früheren Werken immer mit Erfolg angewendet, in der Theorie der gesellschaftlichen Wirtschaft aber bewußt ausgestaltet. Ihr hoher Wert für die gesamten Gesellschaftswissenschaften kann heute als allgemein - auch von fachphilosophischer Seite - anerkannt gelten.
Heute ist die Fruchtbarkeit der Fülle neuer materieller Resultate, der zahlreichen glücklichen neuen Begriffsbildungen und der methodischen Erkenntnisse, welche die Wiesers ganzes ökonomisches Lebenswerk zusammenfassende „Theorie der gesellschaftlichen Wirtschaft“ in sich schließt, noch lange nicht ausgeschöpft.(2). Wie allgemein seine wissenchaftliche Führerschaft in der ganzen Welt anerkannt ist, zeigt am besten die Ehrung, die ihm von den hervorragendsten Theoretikern aller Nationen durch ein ihm zum 75. Geburtstage gewidmetes großes vierbändiges Sammelwerk „Die Wirtschaftstheorie der Gegenwart“ zuteil wurde.(3)
Nachdem Wieser seine reiche Ernte auf dem Felde der Wirtschaftswissenschaft eingebracht hatte, wollte er nunmehr seine ganze Kraft der Fortführung seiner soziologischen Studien widmen. Da brach der Weltkrieg aus und ein tragisches Geschick fügte es, daß gerade er Wieser tiefste Einblicke in das soziale Geschehen eröffnen und seinen Arbeiten eine entscheidende Wendung geben sollte. Wieser, der Altösterreicher, hat den Krieg in seiner ganzen Größe mit jeder Faser seines Herzens miterlebt, in seinen Siegen, der schließlichen Niederlage und dem Zerfall der Monarchie, und seinem tätigen Miterleben in einer Reihe herrlicher Schriften Ausdruck gegeben: „Österreich und der Krieg“ (1914), „Die Lehren des Krieges“ (1915), „Manneszucht und Staatszucht“ (1915), „Ein österreichischer Wehrbund“ (1916), „Das neue Österreich“ (1916) und vor allem in dem tiefgründigen Buch „Österreichs Ende“ (1919). Er hatte immer fest an die geschichtliche Mission des alten Österreich und den endlichen Sieg der Mittelmächte geglaubt; nunmehr stand der unglückliche Ausgang erschütternd vor seiner Seele. Mit Österreichs Zerfall sah er fast alles, was ihm einst kostbar und teuer war, zusammengebrochen. Aber sein Pflichtgefühl und seine kraftvolle Lebensbejahung bewahrten ihn vor stiller Resignation. Die Größe und Unbegreiflichkeit dieses Stückes Weltgeschehens stellte seinem Forschungsdrange neue Probleme. Indem er den Ursachen des Weltkrieges nachging, wurde er immer tiefer in die Zusammenhänge der Jahrhunderte, und aus diesen in die Zusammenhänge der Jahrtausende zurückgeleitet. Seine früheren Gedanken über gesellschaftliche Probleme erschienen ihm nun „in wundersam verschärften Umrissen“. „Von der grellen Flamme des miterlebten Krieges fiel neues Licht auf die Vergangenheit zurück und ich lernte die Gegenwart als Lehrmeisterin der Geschichte kennen“; - „ich lernte die Machtbewegungen nachfühlen, die durch die Jahrhunderte und Jahrtausende der Geschichte bis in unsere Zeit hereinreichen.“ So faßte der Siebzigjährige den Plan, seine soziologischen und geschichtsphilosophischen Forschungsergebnisse und Ideen in einer großen abschließenden Arbeit darzustellen. Mit ungebrochener Kraft - trotz manches schweren Schicksalschlages - ja mit fast jugendlichem Feuereifer ging er an die Ausführung, und im Jänner 1926, wenige Monate vor seinem Tode, lag „Das Gesetz der Macht“ abgeschlossen vor.
Ungeheuer groß ist die Aufgabe, die sich Wieser hier gestellt hat und die nur ein Geist von seiner Universalität sich stellen durfte: Das ganze gesellschaftliche Geschehen in seinem scheinbar regellosen, zufallbestimmten geschichtlichen Ablauf in den strengen Formen oberster Gesetzmäßigkeiten zu erfassen. Die Konzeption seiner Jugend, damals aufleuchtend als kühner intuitiver Einfall, nunmehr durch Erfahrung und kritische Prüfung eines langen Lebens gereift, zu Teilen in vorbereitenden Arbeiten schon verwirklicht - die Rede „Über die gesellschaftlichen Gewalten“ und die Vorträge über „Recht und Macht“ hatten bereits das Zentralproblem, die in den Kriegsjahren entstandenen Abhandlungen über Massenpsychologie, Revolution, das geschichtliche Werk der Gewalt, die Grundformen der gesellschaftlichen Verfassung, Führung und Masse, über die modernen Diktaturen darum gelagerte Teilprobleme erfaßt - sollte nun lebensvolle Gestalt gewinnen. Es hatte nur noch eines auslösenden Anstoßes, wie ihn das Kriegserlebnis brachte, bedurft, daß ihm alle Grundgedanken zusammenschossen. In einem großartigen Freskogemälde mit breitestem geschichtlichen Hintergrund stellt Wieser sie dar. „Ich habe nichts beweisen, noch logisch verflechten wollen, sondern ich habe nur beschreibend wiedergeben wollen, was ich nach angestrebtem Schauen in einem geschlossenen Zusammenhang vor mir sah, dessen Verhältnisse freilich so ausgedehnt sind, daß nur das angestrengteste Schauen seine Einheit erkennt.“ - „Mir ging es es wie dem Wanderer im Gebirge, der die Bergspitzen voneinander getrennt über dem wallenden Nebel vor sich sieht, bis der Nebel weicht und er erkennt alles gesellschaftfliche Geschehen als machtbestimmt, und es sind die Gesetze, wie Macht entsteht und sich auswirkt, welche den Aufbau jeder Gesellschaft und ihren Strukturwandel und damit den ganzen geschichtlichen Ablauf beherrschen. Als Kern der Machterscheinung, als „Schlüsselmacht“ wird nicht äußere Gewalt, sondern innere Macht, die Herrschaft über die Gemüter erkannt. Und sie wieder entspringt immer aus dem Erfolg. Die Machtpsychologie eröffnet so erst den Zugang zum vollen Verständnis der Machterscheinungen, sie führt Wieser zur Psychologie der Führung und zur Massenpsychologie und zu dem schwierigen Problem der anonymen Mächte, der „Psychologie des Mann“. Das Verhältnis Führung und Nachfolge wird als Grundtatbestand jeder - auch der demokratischen - Gesellschaft aufgezeigt, in ihm wirkt sich das für das gesellschaftliche Leben universelle „Gesetz der kleinen Zahl“ aus. Nach den typischen Formen, in welchen die ursprüngliche Machterscheinung sich verwirklicht, ergibt sich ein „Polytheismus“ der Mächte - Ordnungsmächte, Lebensmächte, Kulturmächte - deren Gesetzmäßigkeit aufgedeckt und deren konstitutive Funktionen für den Gesellschaftsaufbau aufgezeigt werden. Die Formengesetze des gesellschaftlichen Lebens werden erschlossen und mit bisher noch nie erreichter Strenge die Haltlosigkeit der „organischen“ Gesellschaftstheorien und der mit den mystischen Begriffen der „Volksseele“ oder „Massenseele“ und des „objektiven Geistes“ operierenden Scheinerklärungen dargetan. Aus dem Strome des Geschehens offenbart sich Wieser das „geschichtliche Werk der Macht“, dessen Erfassung ihn zu einer Reihe von Entwicklungsgesetzen führt: „Das Gesetz der abnehmenden Gewalt“, das „Gesetz der abnehmenden Freiheit und Gleichheit“ und das „Gesetz des Kreislaufes der Macht“. Die Darstellung der Wege der Macht in der Gegenwart, der modernen Machtorgane: politische Parteien mit ihren Ideologien, Presse, wirtschaftliche Führungsorgane, moderne Diktaturen - der bestehenden Machtkonflikte und der Wege ihrer Austragung beschließt das Werk. Nur weniges konnte hier angedeutet werden, aber auch ein ausführlicher Bericht könnte von der Neuheit und Kraft der Gedanken und der Tiefe der Einblicke so wenig eine Vorstellung geben, wie eine bloße Schilderung von einem monumentalen Kunstwerk. Alle Probleme der Gesellschaft und ihres Entwicklungsganges und alle Kulturprobleme werden in ihren Tiefen durchleuchtet und in ihren universellen Zusammenhängen erschaut. Es ist keine jener vielen Soziologien, die vom Worte ausgehend darauf ein spekulatives Gebäude errichten, sie ist getragen von der Anschauung der Fülle der lebendigen Wirklichkeit. In der Darstellung, die dafür zeugt, welcher Pracht die deutsche Prosa fähig ist, herrscht strenge logische Reinlichkeit an Stelle des so beliebten mystischen Dunkels und volle Unvoreingenommenheit an Stelle der politischen Befangenheit. Die Summe der Weisheit eines langen forschenden Lebens ist hier niedergelegt, und deshalb ist dieses Buch in seinen letzten Folgerungen, wo es sich in die Höhen der Geschichts- und Gesellschaftsphilosophie erhebt, auch ein Bekenntnisbuch. Sein ganzes Leben hindurch hat Wieser in seinen Arbeiten immer nur die Sache, nie die Person sprechen lassen: hier, wo es um höchste, letzte Dinge geht, über die strenge Wissenschaft schweigt, hat auch die Persönlichkeit das Wort und man wird es hochschätzen, weil es aus dem unergründlichen tiefen Born einer großen Seele fließt. Für die erkenntnismäßige Beherrschung des Gesellschaftslebens bedeutet das „Gesetz der Macht“ einen Wendepunkt.
Soll nun noch der vielen und großen Erfolge im öffentlichen Leben, der Ehrungen und Auszeichnungen gedacht werden, die Wieser in reichem Maße zueil wurden: seiner Mitgliedschaft an der Wiener und an mehreren ausländischen Akademien der Wissenschaft, der Ehrendoktorate einer Reihe von Universitäten, seiner Berufung ins österreichische Herrenhaus, seiner erfolgreichen Tätigkeit als Leiter der österreichischen Abteilung des Carnegiewerkes über die Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Weltkrieges; endlich seiner Ministerschaft unter dem letzten Kaiser von Österreich, in der er unter anderem die damals in Aussicht genommene Zollunion mit dem Deutschen Reiche vorbereitete? Für jedes Leben von geringerem Format als das seine wäre jeder dieser Erfolge Höhepunkt, Sieg und Genugtuung gewesen; ihm waren es Begleiterscheinungen des Ringens und der Siege, die sich auf dem wahren, dem inneren Schauplatze seines Lebens abspielten.
Mit dem „Gesetz der Macht“ hat sich für Wieser der Kreis seines ideellen Lebens geschlossen und es ist mehr als bloßes Symbol, daß damit auch sein physisches Dasein sich vollendete. Er arbeitete noch, gedrängt von den Herausgebern des Handwörterbuches der Staatswissenschaften, an einer Abhandlung über die Theorie des Geldes, aber er sollte sie nicht mehr ganz zu Ende führen. Eine Lungenentzündung ergriff ihn während seines Sommeraufenthaltes und warf ihn aufs Krankenlager, und am 23. Juli 1926 hauchte er zu Brunnwinkel am Wolfgangsee, wo so viele seiner Gedanken gereift waren, seinen großen und edlen Geist aus.
Es war eine schöne Fügung, daß, als es zum Abschied kam, der Priester die unvergänglichen Worte aus Paulus' Korintherbrief sprach: „...und hätte die Liebe nicht, so wäre ich wie tönendes Erz und eine klingende Schelle. Und wenn ich die Gabe gotterleuchteter Rede hätte und alle Geheimnisse wüßte und alle Erkenntnisse besäße..., hätte aber die Liebe nicht, so wäre ich nichts.“ Denn in der Tat, sein tiefstes Wesen war die schöpferische, weltumspannende Liebe. Der Geist der Wahrheit, der aus seinen Werken strahlt, ist unsterblich. Und seine lichtvolle Gestalt ragt für alle Zeiten, solange Sinn und Sehnsucht lebt nach reinem Menschtum.
Von Nachrufen und Biographien seien erwähnt: Hans Mayer im Rektoratsbericht der Wiener Universität 1926 und in der Zeitschrift für Volkswirtschaft und Sozialpolitik, N. F. V. Bd. 1927; A. Menzel im Jahresbericht der Wiener Akademie der Wissenschaften 1927 und von demselben Autor eine ausführliche Würdigung in dem Buche „Friedrich Wieser als Soziologe“ (Wien, Springer, 1927); F. A. Hayek in den Jahrbüchern für Nationalökonomie und Statistik, 125. Bd. 1926; ein von Hayek herausgegebener Band gesammelter Schriften Wiesers wird demnächst erscheinen (Verlag Siebeck, Tübingen); Ewald Schams „Friedrich Wieser und sein Werk“ in der Zeitschrift für die gesamte Staatswisschenschaft, 81. Bd. 1926; W. Vleugels in den Kölner Vierteljahrsheften für Soziologie, 7. Jahrg. 1927; L. Elster im Handwörterbuch der Staatswissenschaften, IV. Aufl. 1927; O. Morgenstern in American Economic Review 1928.
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(1) In dem Beitrage „Arma virumque cano“ in der Festschrift zur Hundertjahrfeier des Schottengymnasiums in Wien 1907; in dem Beitrag „Carl Menger“ im 2. Band der „Neuen Österr. Biographie“ 1923 und im Vorworte zu seinem letzten Werke „Das Gesetz der Macht“ 1926.
(2) Eine Übersetzung ins Englische mit einem Vorwort von Professor W. C. Mitchell erschien unter dem Titel: Social Economics, 1927.
(3) Herausgegeben von Hans Mayer, R. Reisch, F. A. Fetter (Verlag Springer, Wien 1927), mit über 80 Beiträgen österreichischer, deutscher, amerikanischer, französischer, englischer, italienischer, norwegischer, schwedischer, dänischer, holländischer, russischer, polnischer, tschechischer, ungarischer, spanischer, griechischer und jugoslawischer Nationalökonomen.